­Hajo Schiff
MARTIN CONRAD - GIB MIR EINE STELLE IM WALD AN DER KEIN BAUM WÄCHST

Sowie zwei disparate Dinge in einem Raum sind, beginnt eine Geschichte. Das wissen die angesagten Maler der Leipziger Schule nur zu gut. Aber der Reiz des Anekdotischen lässt eine andere Geschichte, die der Malerei selbst, oft vergessen. Hinter die sichere Erkenntnis der Moderne, dass die Einheit des Bildes zerbrochen ist, führt kein Weg zurück. So verweigert auch der Hamburger Maler-Zeichner Martin Conrad in seinen Bildern einen eindeutigen Fokus. Auf seinen Leinwänden findet sich in transparenter Schichtung eine ganze Reihe von Referenzen an eigentlich sich ausschließende Malkonzepte vom Ausdrucksgestus über die Farbfeldmalerei bis zu Gegenstandsbezügen.  Seine malerische Vorgehensweise erinnert an das Prinzip der Collage, aber die Überblendungen werden so gestaltet, dass am Ende dennoch der erste Eindruck eines Bildganzen bestehen bleibt.

Um sich diese Bilder zu erschließen, bedarf es über den schnellen Blick hinaus einer intelligent das vorhandene eigene Bildrepertoire mitdenkenden Schaulust. Erst dann werden die klug geschichteten, parallel verwendeten Codes zugänglich, mit denen Martin Conrad den begrenzten Raum dieser aus der Spannung zwischen Farbe und Linie lebenden Tafelbilder für die Betrachter aufbricht. Zuerst wird der Blick die grundlegenden Farbfelder bemerken, oft zwei Farbklänge mit einer Art Horizont dazwischen. Dann wird die Sehwanderung über die anderen Teile des Bildes gehen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ein kantiges weißes Feld, eine amorphe gelbe Form, eine Frau mit Zeige- oder Abwehrgestus, eine Rose… die Blickbewegung wechselt von einer Stelle zur andern und versucht Bezüge aufzubauen. Dabei konstruieren die Betrachter nahezu automatisch Tiefenräume, denn die Ergänzung von nur teilweise gezeigten Formen zu Einheiten, die nur von etwas, was davor sein muss, in der Sichtbarkeit abgedeckt scheinen, ist ein allgemeines Wahrnehmungsmuster. Im Bild „Fliegerhorst“ ergeben sich zwischen grüner Farbe, den darüber gezeichneten Blüten von Winde und Rose, einigen traditionellen Zunftzeichen und den Umrissen eines Plastikbausatz für einen Militärjet eine Vielzahl formaler und inhaltlicher Assoziationen. Doch gleich ob man auf einem anderen Bild eine utopische Weltraumstation zu erkennen meint oder von Bildtiteln wie „Das weiße Hemd des Raben“ auf falsche Fährten gelockt wird, letztlich lösen sich die scheinbaren Bezüge immer wieder auf. Das Bild bleibt ein immer wieder neu zu bestellendes offenes Feld für eigene Geschichten. So wird der Betrachter zum Komplizen des Malers. Denn Rezeption und Produktion funktionieren auf ähnliche Weise. Martin Conrad beschreibt die wesentliche Phase in der Herstellung seiner nicht vorskizzierten Bilder als Attacke auf das erste, aus der Farbe entwickelte, farbigschöne Bild durch die gezielte, aber nicht geplante Überlagerung mit zeichnerischen Elementen aus Natur und Kultur. Dabei folgt die Verwendung und Kombination der Einzelzeichnungen aus seinem Bildarchiv vorrangig nur der inneren Struktur des bis dahin ermalten Bildes. Das am Ende ereichte erzählerische Potential entsteht dabei eher unbewusst.

Die neueren Bilder sind noch mit einer zusätzlichen Zwischenform zwischen Malerei und Zeichnung ausgestattet: Wie hingewischt überlagert oder hinterfängt ein gezeichneter Pinselstrich Rand und Teilflächen der Bilder. Abgesehen von einer zusätzlichen Dynamik erhält das Bild damit ein Symbol seiner eigenen Komplexität: Denn dieser aufgelöst gemalzeichnete Pinselgestus ist zugleich sofort erkennbar und benennbar und doch eine ganz abstrakte Form. Obwohl so logisch nachvollziehbar, geht dieses Element auf eine Erfahrung zurück. Für die Projektreihe „kunstgesund“ hatte Martin Conrad in einer über sechs Stockwerke gehenden Arbeit im Krankenhaus des Albertinen-Diakoniewerks die Elemente seiner Bilder aus dem Gefüge der Leinwand entlassen: Wandzeichnungen bildeten den direkten Hintergrund für die auf Holz gemalten Ölbilder, in denen Ausschnitte den Blick auf den bezeichneten Grund freigaben. Jetzt wurde diese unmittelbare Raumerfahrung als eine zusätzliche Schichtung in den Bildraum zurückgeholt und verstärkt dort die eigenständige Wirkung des nur diskontinuierlich wahrnehmbaren Illusionsraumes dieser Gemälde.

Hajo Schiff, Freier Kurator und Kunstkritiker in Kunstforum International, taz
Text veröffentlicht in KUNSTFORUM International, Bd.181, Juli – September 2006, S. 300 –301
"Martin Conrad – Gib mir eine Stelle im Wald an der kein Baum wächst", Galerie Ruth Sachse, Hamburg 2006