KOMPLEXE STRATEGIEN
Zur Arbeit von Jaakov Blumas und Martin Conrad


Das Verständnis für die komplexen Zusammenhänge der Wirklichkeit nimmt zu. Zur Struktur der Komplexität greift man, wenn Phänomene nur auf diese Weise beschrieben werden können. Geht es auch einfacher? – Nein.

Komplexität auf Wahrnehmungsvorgänge bezogen, bedeutet einen Ablauf der sich entweder als Bündel nach dem Prinzip einer vektoralen Kraft gleichzeitig oder nach einem `Masterplan`in hintereinander ablaufenden Schritten fortentwickelt.

Die Bildwerdung lässt sich in folgender Formel darstellen:

1. Position ----- 2. Strecke ----- 3. Ziel

und vollzieht sich in gemeinsamer Tätigkeit von Produzent und Rezipient. Wobei die Punkte 1 und 2 allein in der Verantwortung des Künstlers liegen und Punkt 3 nur zusammen mit dem Betrachter entsteht.

Bei unterschiedlichen bildnerischen Vokabular der beiden Künstler liegt eine Schnittmenge in dem konzeptionellen Ansatz. Komplexe Strategien ist ein Begriff aus der künstlerischen Arbeit von Jaakov Blumas und Martin Conrad und beinhaltet eine Verschränkung von unterschiedlichen Ebenen scheinbar gegeneinander sich ausschließender bildnerischen Systheme. Während die Arbeiten von Martin Conrad (Farbfelder mit bewegten Zeichen) von intensiver Auseinandersetzung mit Kandinsky, de Chirico zeugt, so nehmen die Arbeiten von Jaakov Blumas (suggerierte plastische Wölbungen) Bezüge zu Magritte, Vasarely.

Punkt 1 - die Position.
Auf den ersten Blick sieht man den Bildträger, Material, Farbe, Abstraktion. Es entsteht kein Abbild einer Realität, sondern es bildet sich in Wechselwirkung von abstrakten Farbformen und gegenständlich lesbaren Motivketten bzw. einer `Wiedererkennung` von Dingen eine multiple Wirklichkeit. Es ist ein Prozess, der eine Zeitdimension innehat.

Punkt 2 - die Strecke.
In der Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen findet eine Auseinandersetzung statt zwischen einem übereinstimmenden Korrespondierens der Elemente, des Auseinanderfallens sowie sich wieder Konstituierens. Es werden Schwerpunkte so justiert, dass ihre jeweilige Präsenz in der Bildhierarchie wechselbar wird.

Punkt 3 - das Ziel. Es wird durch die Formel veranschaulicht:

Veränderung (Istzustand + Gewinn)
Betrachter

Durch die im Bild anwesenden Kräfte entsteht ein Impuls der die Veränderung in der Bildwahrnehmung auslöst. Ein Detail reicht aus um einen Prozess fortschreitender Verknüpfungen in Gang zu setzen in dem assoziative Bausteine von einer Stelle zu der anderen geleitet werden. So wird die Arbeitsweise der Imagination als Funktion der Veränderung für den Betrachter erlebbar gemacht. Dieser Augenblick mag nur für einen Bruchteil einer Sekunde sein, doch er genügt um die Wahrnehmung zu fesseln und aufrecht zu erhalten. Es tritt eine Hinterfragung der vertrauten Raumerfahrung mit einer Neuorganisation des Sehens ein.

Assoziationsvermögen und Erinnerungsmuster prägen die Identität des Betrachters und somit auch seine Sicht auf die Dinge. Der Wert der in den Bildern vorhandenen Dinge liegt nicht in dem was sie darstellen, sondern in dem was sie bedeuten. Jedes Ding im Bild wird zum Zeichen eines visuellen Vokabulars, dem allein die freie Assoziation des Betrachters seine Bedeutung zuschreibt. Diese Denkmuster sind nicht festgelegt, sondern verketten sich immer wieder neu. Wobei die Veränderung und der Gewinn als geistige Werte verstanden werden und der Betrachter als variable Größe einen maßstäblichen Einfluß auf das Ergebnis ausübt.

Jaakov Blumas, Martin Conrad, Mai 2011